... setzt es nieder, und stellt sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht
auf den Boden geschlagen, und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm
herüberschielend. Er steht auf der andern Seite, und sieht starr vor sich hinaus.
Großes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankündigen muss.
LUISE. Wollen Sie mich akkompagnieren, Herr von Walter, so mach ich einen Gang auf
dem Fortepiano. (Sie öffnet den Pantalon.)
(Ferdinand gibt ihr keine Antwort. Pause.)
LUISE. Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig. Wollen wir eine
Partie, Herr von Walter?
(Eine neue Pause.)
LUISE. Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu sticken versprochen - Ich
habe sie angefangen - Wollen Sie das Dessin nicht besehen?
(Wieder eine Pause.)
LUISE. O ich bin sehr elend!
FERDINAND. (in der bisherigen Stellung). Das könnte wahr sein.
LUISE. Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, dass Sie so schlecht unterhalten werden.
FERDINAND (lacht beleidigend vor sich hin). Denn was kannst du für meine blöde Bescheidenheit?
LUISE. Ich hab es ja wohl gewusst, dass wir jetzt nicht zusammen taugen.
Ich erschrak auch gleich,
ich bekenne es, als Sie meinen Vater verschickten - Herr von Walter, ich vermute,
dieser Augenblick
wird uns beiden gleich unerträglich sein - Wenn Sie mir's erlauben wollen, so geh ich und bitte
einige von meinen Bekannten her.
FERDINAND. O ja doch, das tu. Ich will auch gleich gehn, und von den meinigen bitten.
LUISE (sieht ihn stutzend an.) Herr von Walter?
FERDINAND (sehr hämisch). Bei meiner Ehre! der gescheiteste Einfall, den ein Mensch in dieser
Lage nur haben kann. Wir machen aus diesem verdrüsslichen Duett eine Lustbarkeit, und rächen
uns mit Hilfe gewisser Galanterien an den Grillen der Liebe.
LUISE. Sie sind aufgeräumt, Herr von Walter?
FERDINAND. Ganz außerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter mir herzujagen! Nein! in
Wahrheit, Luise. Dein Beispiel bekehrt mich - Du sollst meine Lehrerin sein. Toren sind's, die von
ewiger Liebe schwatzen, ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das Salz des
Vergnügens -
Topp, Luise! Ich bin dabei - Wir hüpfen von Roman zu Romane, wälzen uns von Schlamme zu
Schlamm - du dahin - ich dorthin - Vielleicht, dass meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell
wiederfinden lässt - Vielleicht, dass wir dann nach dem lustigen Wettlauf, zwei moderne Gerippe,
mit der angenehmsten Überraschung von der Welt zum zweiten Mal aufeinander stoßen, dass wir
uns da an dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter verleugnet, wie in
Komödien wiedererkennen, dass Ekel und Scham noch eine Harmonie veranstalten, die der
zärtlichsten Liebe unmöglich gewesen ist.
LUISE. O Jüngling! Jüngling! Unglücklich bist du schon, willst du es auch noch verdienen?
FERDINAND (ergrimmt durch die Zähne murmelnd). Unglücklich bin ich? Wer hat dir das gesagt?
Weib, du bist zu schlecht, um selbst zu empfinden - womit kannst du eines andern Empfindungen
wägen? - Unglücklich, sagte sie? - Ha! dieses Wort könnte meine Wut aus dem Grabe rufen! -
Unglücklich musst ich werden, das wusste sie. Tod und Verdammnis! das wusste sie,
und hat mich -
dennoch verraten - Siehe, Schlange! Das war der einzige Fleck der Vergebung - Deine Aussage
bricht dir den Hals - Bis jetzt konnt ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschönigen, in meiner
V e r a c h t u n g wärst du beinahe meiner Rache entsprungen.
(Indem er hastig das Glas ergreift.)
Also leichtsinnig warst du nicht - dumm warst du nicht - du warst nur ein Teufel. (Er trinkt.) Die
Limonade ist matt, wie deine Seele - Versuche!
LUISE. O Himmel! Nicht umsonst hab ich diesen Auftritt gefürchtet.
FERDINAND (gebieterisch). Versuche!
LUISE (nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt).
FERDINAND (wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit einer plötzlichen Erblassung
weg, und eilt nach dem hintersten Winkel des Zimmers).
LUISE. Die Limonade ist gut.
FERDINAND (ohne sich umzukehren, von Schauer geschüttelt). Wohl bekomm's!
LUISE (nachdem sie es niedergesetzt). O wenn Sie wüssten, Walter, wie ungeheuer Sie meine
Seele beleidigen.
FERDINAND. Hum!
LUISE. Es wird eine Zeit kommen, Walter -
FERDINAND (wieder vorwärtskommend). O! Mit der Zeit wären wir fertig.
LUISE. Wo der heutige Abend schwer auf Ihr Herz fallen dürfte -
FERDINAND (fängt an stärker zu gehen, und beunruhigter zu werden, indem er Schärpe und Degen
von sich wirft). Gute Nacht, Herrendienst!
LUISE. Mein Gott! Wie wird Ihnen?
FERDINAND. Heiß und enge - will mir's bequemer machen.
LUISE. Trinken Sie! Trinken Sie! Der Trank wird Sie kühlen.
FERDINAND. Das wird er auch ganz gewiss - Die Metze ist gutherzig, doch! das sind alle!
LUISE (mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend). Das deiner Luise, Ferdinand?
FERDINAND (drückt sie von sich). Fort! Fort! Diese sanfte schmelzende Augen weg! Ich erliege.
Komm in deiner ungeheuren Furchtbarkeit, Schlange, spring an mir auf, Wurm - krame vor mir
deine grässliche Knoten aus, bäume deine Wirbel zum Himmel - So abscheulich als dich jemals
der Abgrund sah - Nur keinen Engel mehr - Nur jetzt keinen Engel mehr - es ist zu spät - Ich muss
dich zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln - Erbarme dich!
LUISE. O! Dass es so weit kommen musste!
FERDINAND (sie von der Seite betrachtend). Dieses schöne Werk des himmlischen Bildners -
Wer kann das glauben? - Wer sollte das glauben?
(Ihre Hand fassend und emporhaltend.) Ich will dich
nicht zur Rede stellen, Gott Schöpfer - aber warum denn dein Gift in so schönen Gefäßen?
- - Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich fortkommen? - O es ist seltsam.
LUISE. Das anzuhören, und schweigen zu müssen!
FERDINAND. Und die süße melodische Stimme - Wie kann so viel Wohlklang kommen aus
zerrissenen Saiten? (Mit trunkenem Aug auf ihrem Anblick verweilend.) Alles so schön - so voll
Ebenmaß - so göttlich vollkommen! - Überall das Werk seiner himmlischen Schäferstunde! Bei
Gott! als wäre die große Welt nur entstanden,
den Schöpfer für dieses Meisterstück in Laune zu setzen!
- - Und nur in der S e e l e sollte Gott sich vergriffen haben?
Ist es möglich, dass diese empörende
Missgeburt in die Natur ohne Tadel kam? (Indem er sie schnell verlässt.) Oder sah er einen Engel
unter dem Meißel hervorgehen, und half diesem Irrtum in der Eile mit einem desto schlechteren
Herzen ab?
LUISE. O des frevelhaften Eigensinns! Ehe er sich eine Übereilung gestände,
greift er lieber den Himmel an.
FERDINAND (stürzt ihr heftig weinend an den Hals).
Noch einmal, Luise - Noch einmal, wie am Tag
unsers ersten Kusses, da du Ferdinand stammeltest, und das erste Du
auf deine brennende Lippen trat -
O eine Saat unendlicher unaussprechlicher Freuden schien
in dem Augenblick wie in der Knospe zu
liegen - Da lag die Ewigkeit wie ein schöner Maitag vor unsern Augen;
goldne Jahrtausende hüpften, wie
Bräute, vor unsrer Seele vorbei - - Da war ich der Glückliche! -
O Luise! Luise! Luise! Warum hast du
mir das getan?
LUISE. Weinen Sie, weinen Sie, Walter. Ihre Wehmut wird gerechter gegen mich sein,
als Ihre Entrüstung.
FERDINAND. Du betrügst dich. Das sind ihre Tränen nicht -
nicht jener warme wollüstige Tau, der in die
Wunde der Seele balsamisch fließt, und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt.
Es sind einzelne
- kalte Tropfen - das schauerliche ewige Lebewohl meiner Liebe.
(Furchtbar - feierlich, indem er die Hand auf ihren
Kopf sinken lässt.) Tränen um deine Seele, Luise - Tränen um die Gottheit, die ihres
unendlichen Wohlwollens hier
verfehlte, die so mutwillig um das herrlichste ihrer Werke kommt - O mich deucht,
die ganze Schöpfung sollte
den Flor anlegen, und über das Beispiel betreten sein,
das in ihrer Mitte geschieht - Es ist was Gemeines,
dass Menschen fallen, und Paradiese verloren werden;
aber wenn die Pest unter Engel wütet, so rufe man
Trauer aus durch die ganze Natur.
LUISE. Treiben Sie mich nicht aufs Äußerste, Walter. Ich habe Seelenstärke so gut wie
eine - aber sie muss
auf eine menschliche Probe kommen. Walter, das Wort noch,
und dann geschieden - - Ein entsetzliches
Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt.
Dürft ich den Mund auftun, Walter, ich könnte dir Dinge
sagen - ich könnte - - aber das harte Verhängnis
band meine Zunge, wie meine Liebe, und dulden muss
ich's, wenn du mich wie eine gemeine Metze misshandelst.
FERDINAND. Fühlst du dich wohl, Luise?
LUISE. Wozu diese Frage?
FERDINAND. Sonst sollte mir's leid um dich tun,
wenn du mit dieser Lüge von hinnen müsstest.
LUISE. Ich beschwöre Sie, Walter -
FERDINAND (unter heftigen Bewegungen). Nein! Nein! zu satanisch wäre diese Rache!
Nein, Gott bewahre mich!
in jene Welt hinaus will ich's nicht treiben - Luise! Hast du den Marschall geliebt?
Du wirst nicht mehr aus
diesem Zimmer gehen.
LUISE. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr. (Sie setzt sich nieder.)
FERDINAND (ernster). Sorge für deine unsterbliche Seele, Luise! -
Hast du den Marschall geliebt? Du wirst
nicht mehr aus diesem Zimmer gehen.
LUISE. Ich antworte nichts mehr.
FERDINAND (fällt in fürchterlicher Bewegung vor ihr nieder). Luise!
Hast du den Marschall geliebt? Ehe dieses
Licht noch ausbrennt - stehst du - vor Gott!
LUISE (fährt erschrocken in die Höhe). Jesus! Was ist das? - - -
und mir wird sehr übel. (Sie sinkt auf
den Sessel zurück.)
FERDINAND. Schon? - Über euch Weiber und das ewige Rätsel!
Die zärtliche Nerve hält Freveln fest, die
die Menschheit an ihren Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um -
LUISE. Gift! Gift! O mein Herrgott!
FERDINAND. So fürcht ich. Deine Limonade war in der Hölle gewürzt.
Du hast sie dem Tode zugetrunken.
LUISE. Sterben! Sterben! - Gott, Allbarmherziger! Gift in der Limonade und sterben!
O meiner Seele
erbarme dich, Gott der Erbarmer!
FERDINAND. Das ist die Hauptsache. Ich bitt ihn auch darum.
LUISE. Und meine Mutter - mein Vater - Heiland der Welt! mein armer verlorener Vater!
Ist keine Rettung mehr?
Mein junges Leben und keine Rettung! und muss ich jetzt schon dahin?
FERDINAND. Keine Rettung, musst jetzt schon dahin - aber sei ruhig. Wir machen die Reise
zusammen.
LUISE. Ferdinand, auch du! Gift, Ferdinand! Von dir?
O Gott, vergiss es ihm - Gott der Gnade, nimm
die Sünde von ihm -
FERDINAND. Sieh du nach d e i n e n Rechnungen - Ich fürchte, sie stehen übel.
LUISE. Ferdinand! Ferdinand! - O - Nun kann ich nicht mehr schweigen
- der Tod - der Tod hebt alle
Eide auf - Ferdinand - Himmel und Erde hat nichts Unglückseligers als dich -
Ich sterbe unschuldig, Ferdinand.
FERDINAND (erschrocken). Was sagt sie da? - Eine Lüge pflegt man doch sonst nicht auf
d i e s e Reise zu nehmen?
LUISE. Ich lüge nicht - lüge nicht -
hab nur e i n m a l gelogen mein Leben lang - Huh! Wie das
eiskalt durch meine Adern schauert - - als ich den Brief schrieb an den Hofmarschall -
FERDINAND. Ha! dieser Brief! - Gottlob! Jetzt hab ich all meine Mannheit wieder.
LUISE (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu zucken). Dieser Brief -
Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu hören - Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte -
dein Vater hat ihn diktiert.
FERDINAND (starr und einer Bildsäule gleich, in langer toter Pause hingewurzelt, fällt endlich
wie von einem Donnerschlag nieder).
LUISE. O des kläglichen Missverstandes - Ferdinand - Man zwang mich - vergib - deine Luise
hätte den Tod vorgezogen - aber mein Vater - die Gefahr - sie machten es listig.
FERDINAND (schrecklich emporgeworfen). Gelobet sei Gott! Noch spür ich den Gift nicht.
(Er reißt den Degen heraus.)
LUISE (von Schwäche zu Schwäche sinkend). Weh! Was beginnst du? Es ist dein Vater -
FERDINAND (im Ausdruck der unbändigsten Wut). Mörder und Mördervater! -
M i t muss er, dass
der Richter der Welt nur gegen den Schuldigen rase. (Will hinaus.)
LUISE. Sterbend vergab mein Erlöser - Heil über dich und ihn. (Sie stirbt.)
FERDINAND (kehrt schnell um,
wird ihre letzte sterbende Bewegung gewahr und fällt in Schmerz
aufgelöst vor der Toten nieder). Halt! Halt! Entspringe mir nicht, Engel des Himmels!
(Er fasst ihre Hand an, und lässt sie schnell wieder fallen.) Kalt, kalt und feucht!
Ihre Seele ist dahin. (Er springt wieder auf.) Gott meiner Luise! Gnade! Gnade dem
verruchtesten der Mörder! Es war ihr letztes Gebet! - - Wie reizend und schön auch im
Leichnam! Der gerührte Würger ging schonend über diese freundliche Wangen hin -
Diese Sanftmut war keine Larve - sie hat auch dem Tod standgehalten. (Nach einer Pause.)
Aber wie? Warum fühl ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend mich retten?
Undankbare Mühe!
Das ist meine Meinung nicht. (Er greift nach dem Glase.)
5. Akt, 7. Szene
Siebente Szene
FERDINAND und LUISE.
Luise Millerin
Kabale und Liebe
Friedrich Schiller
Johann Christoph Friederich Schiller
"Liebe ist schlauer als die Bosheit und kühner"
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