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29. September 2013 7 29 /09 /September /2013 09:48

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"Mein Gott, warum steuern wir Nord?"

 

"Flottenkurs gegen den Wind zur Brennstoffübernahme."

 

"Bei dem Wetter bekommen sie im Leben keinen

 

Brennstoff über."

 

"Sie lassen nicht locker, und wenn sie darüber absaufen."

 

"Wie kam es zu diesem furchtbaren Überholen? Hatten

 

wir Maschinenstörung?"

 

"Nein, wir sind quergeschlagen, und das Schiff wollte

 

nicht mehr in den Wind. Unsere Maschinen sind in

 

Ordnung - einstweilen."

 

Das Heulen des Orkans nahm an Stärke zu. Uuuuu-iiiii,

 

der Kommandant kam taumelnd aus dem Ruderhaus, sein

 

Gesicht war ebenso grau wie seine Schwimmweste und

 

von einem Wald dunkler Bartstoppeln bedeckt. Seine

 

blutunterlaufenen Augen waren so verschwollen, daß er

 

sie kaum noch offenhalten konnte.

 

"Mr. Paynter, ich möchte wissen, warum Ihre Maschinen

 

meinem Befehl nicht nachkamen, als ich mehr Leistung

 

von ihnen verlangte."

 

"Sie sind dem Befehl nachgekommen, Sir."

 

"Zum Donnerwetter, Herr, wollen Sie behaupten, daß

 

ich lüge? Ich sage Ihnen, daß die Steuerbordmaschine volle

 

anderthalb Minuten nicht mit den Umdrehungen hochkam,

 

ich mußte sie erst durch den Lautsprecher anbrüllen, ehe

 

sie sich dazu bequemte."

 

"Sir,   der    Wind ..."

 

Uuuuu-iiiii! - Uuu-iii!

 

"Widersprechen Sie mir nicht, Herr! Begeben Sie sich

 

sofort auf Ihre Station in der Maschine! Dort haben Sie

 

gefälligst zu bleiben! Kümmern Sie sich darum, daß meine

 

Maschinenbefehle ausgeführt werden, und zwar etwas

 

plötzlich!"

 

"Ich muß in wenigen Minuten die Brückenwache

 

übernehmen, Sir!"

 

"Nein, das werden Sie  n i c h t  tun, Mr. Paynter! Sie sind

 

hiermit von der Liste der Wachoffiziere gestrichen. Gehen

 

Sie in Ihre Maschine und bleiben Sie dort, bis ich Ihnen

 

erlaube, wieder an Deck zu kommen, und wenn es drei

 

Tage dauert! Wenn mir noch ein einziges Mal ein Maschi-

 

nenkommando bummelig ausgeführt wird, dann können

 

Sie sich auf ein Kriegsgericht gefaßt machen!"

 

Paynter nickte mit gelassener Miene und kletterte vor-

 

sichtig die Treppe hinunter.

 

Mit dem Bug gegen den Wind lag die "Caine" wesentlich

 

besser. Die Angst, die Offiziere und Mannschaften befallen

 

hatte, begann zu schwinden. Kannen mit frischem Kaffee

 

wurden auf die Brücke gebracht, und bald waren die

 

Lebensgeister wieder so weit aufgefrischt, daß die Männer

 

fröhlich miteinander scherzten. Die Stampfbewegungen

 

waren noch immer rasch und steil genug, um ein eigen-

 

tümliches Gefühl in der Magengegend hervorzurufen, aber

 

die "Caine" hatte schon früher oft genug heftig gestampft,

 

und diese Bewegung war vor allem nicht so beängstigend

 

wie jenes endlos lange Überholen, bei dem die Brücke

 

jedesmal seitwärts über dem Wasser hing. Allmählich lichtete

 

sich auch das ungewöhnliche Gedränge auf der Brücke,

 

und die Zurückbleibenden sprachen beruhigt und erleichtert

 

über den ausgestandenen Schreck. Über diesem Ausbruch

 

allgemeiner Zuversicht vergaß man fast, daß der Wind noch

 

in alter Stärke weiterheulte und klagte, daß die Sturmwolken

 

nach wie vor über den Himmel jagten und daß das Barometer

 

auf 740 mm gefallen war. Die Besatzung des alten Minensuchers

 

hatte sich mit der Tatsache abgefunden, daß sich ihr Schiff

 

mitten in einem Taifun befand. Die Leute wollten glauben, daß

 

sie heil durchkommen würden, und weil ihnen keine unmittelbare

 

Gefahr drohte und weil sie es gerne glauben wollten, darum

 

glaubten sie es auch. Sie wurden nicht müde einander Redensarten

 

zu wiederholen wie: "Die Caine ist ein Glücksschiff", oder "Der

 

alte rostige Kasten kann ja gar nicht absaufen."

 

"Ich höre, du wirst mich statt Paynt heute ablösen."

 

Harding war unbeobachtet an Willie herangetreten, während

 

dieser den Wind studierte und seine Berechnungen anstellte.

 

"Richtig. Soll ich gleich übernehmen?"

 

"So, wie du bist?"

 

Willie sah an sich hinunter und grinste. Abgesehen von der

 

triefenden Hose, war er nackt. "Nicht ganz im richtigen

 

Anzug, was?"

 

"Großer Dienstanzug mit Säbel ist ja wohl nicht verlangt",

 

sagte Harding, "aber du fühlst dich auf die Dauer wohler, wenn du

 

etwas anhast."

 

"Bin gleich wieder zurück." Willie stieg an Deck hinunter und

 

schlüpfte durch das Mannloch im Lukendeckel. Er stellte fest, daß

 

die Leute vom Seitendeck jetzt verschwunden waren.

 

 

 

HERMAN WOUK

 

 

DIE CAINE WAR

 

IHR SCHICKSAL

 

 

"The Caine Mutiny"

 

 

 

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Published by Susanne Ulrike Maria Albrecht
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